Was heißt hier ‘unverkrampft’?

CC-BY-SA 2.0 K. van RYSWYK>

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[tl;dr] Der Ausdruck vom “unverkrampften Patriotismus” transportiert die durch eine Metapher gekennzeichnete Ablehnung des gefühlten Ist-Zustandes (“verkrampfter Patriorismus”) und damit die Forderung nach einem unangreifbaren, emotionalen, positiven Bezug zur eigenen Nation. Mit anderen Worten: Bullshit.

Spätestens seit der FIFA Fußballweltmeisterschaft der Herren 2006, die in der Bundesrepublik Deutschland ausgetragen wurde, gibt es hierzulande einen vergleichsweise breiten Diskurs darüber, wie diese Deutschen denn zu ihrem Land stünden und wie es sich – sooo lange nach dem Krieg – für sie schickt, dieses Verhältnis auszudrücken. Die Phrase vom „unverkrampften Patriotismus“ erlangte recht zügig eine bedeutende Stellung im Diskurs und etablierte sich als Schlagwort. Aber ist unverkrampft auch unproblematisch? (Wohl eher nicht, sonst gäbe es diesen Beitrag nicht…)


Wenn wir uns der Frage nähern möchten, was denn unverkrampfter Patriotismus ist, müssen wir uns – so weit, so logisch – zunächst darüber klar werden, was das hierdurch Negierte, also der verkrampfte Patriotimus, ist oder sein könnte. Fangen wir doch einmal mit verkrampft an.

Der Krampf

Semantisch können wir verkrampft mit “sich in einem Krampfzustand befindlich” gleichsetzen. Fiese Sachen sind das, diese Krämpfe. In den Schultern, den Waden – überall wo Muskeln arbeiten, können diese auch infolgedessen verkrampfen. Der Krampf ist eine vorübergehende, sich durch Schmerz äußernde intensive Anspannung der Muskeln. Das kann unterschiedliche Gründe haben, unmittelbarer Anlass ist aber stets eine für eine gewisse Zeit aufrechterhaltene, bestimmt geartete Muskelanspannung (z.B. durch eine bestimmte Körperhaltung und die damit einhergehende Be- bzw. Nichtbelastung mancher Muskeln). Dadurch, dass diese Haltung Schmerz verursacht, erfährt sie häufig auch eine normative sprachliche Kennzeichnung: Fehlhaltung. Der Krampf führt aber auch dazu, dass er gewisse Bewegungsabläufe schwieriger oder unmöglich macht, dass Muskeln verhärten und ganze Körperregionen starr werden.
Nehmen wir nun diese Bedeutungsfragmente und bringen sie mit dem Phänomen Patriotismus in Verbindung. Demnach wäre Patriotismus also etwas, das Schmerzen verursachen kann, wenn er auf eine bestimmte Art und Weise ausgeübt wird. Der Krampf, der als Schmerz offenbar wird, ist auf eine als falsch oder schädlich eingestufte Haltung zurückzuführen. Mit anderen Worten: Wenn Du Deinen Patriotismus falsch ausübst, tut’s weh. Was aber ist denn bitteschön „falsch ausgeübter Patriotismus“? Ein Patriotismus, den zu verfolgen Schmerzen verursacht, der ungesund ist?

“Aber die anderen dürfen doch auch…”

Die Sache wird vielleicht klarer, wenn wir uns diesen verkrampften Patriotismus als eine schmerzhafte und bewegungseinschränkende Fehlhaltung vorstellen. Der verkrampfte Patriotismus ist ein Patriotismus, dem Grenzen gesetzt sind, der sich nicht frei und beliebig ohne Rechtfertigungszwang äußern und ausdehnen kann, dessen Bewegungen eingeschränkt sind, weil sie Schmerzen verursachen. Die Ursache für das Verkrampfen des Patriotismus ist dementsprechend eine etablierte Fehlhaltung. Und die Vermutung liegt nahe, dass diese Fehlhaltung im kollektiven Umgang mit dem eigenen (deutschen) Patriotismus zu suchen ist. Gerne werden dann Blicke ins Ausland geworfen, wo es „völlig normal“ (und damit unproblematisch) sei, wenn der öffentliche Raum – Anlass hin oder her – von nationaler Symbolik gesäumt wird. Wo wegen Äußerungen à la „Ich liebe mein Land“ ob deren Selbstverständlichkeit kein Hahn mehr kräht. Oftmals, vor allem wenn in aufgebrachtem Zustand angestellt, wirken diese Vergleiche ein wenig wie von einem trotzigen Kind an der Supermarktkasse vorgebracht, das sich darüber empört, dass das andere Kind da drüben an der anderen Kasse aber einen Schokoriegel bekommen hätte, es selbst aber leer ausgeht. Die anderen dürfen doch auch, wieso darf ich dann nicht?
Gerade aus der unterstellten Selbstverständlichkeit der anderen im Umgang mit ihrem Patriotismus wird dann auch gerne eine Natürlichkeit des Patriotismus konstruiert. Und auf diese Natürlichkeit wird dann mit der Körperhaltungsmetapher Bezug genommen: So wie unter able-bodied Personen eine „gute“ Haltung einen natürlichen Idealzustand darstellt, wird es der geistigen Haltung gegenüber der eigenen Nation unterstellt. Das Argumentieren für und Hinarbeiten auf diesen unverkrampften Patriotismus transportiert eine Sehnsucht nach einer vermeintlich nativen Eigenschaft. Der (per Negation) als verkrampfter Patriotismus bezeichnete status quo erfährt hiermit die Aufladung als widernatürlicher, schmerzhafter und zu beseitigender Zustand.

Linksgrünversiffte Echsenmenschen in Reichsflugscheiben oder: Der Mainstream

Bleibt noch die Frage offen, woher diese Fehlhaltung denn eigentlich kommt. Sicherlich gibt es dafür eine Vielzahl von Antworten, die aber alle tendenziell auf den (links wahrgenommenen) politischen Mainstream verweisen dürften. Der Phantasie sind hierbei auch keine Grenzen gesetzt, solange dabei aber der Mythos bedient wird, dass „die Deutschen“ von anderen künstlich „klein“ gehalten werden sollen. Und die so unterstellte Konditionierung auf Scham geht dann auch Hand in Hand mit den gängigen deutschen Opfer-Mythen. Von einem „das wird man wohl noch sagen dürfen!“ sind wir dann auch nicht mehr weit entfernt. Die Lesart des von fremder Hand auferlegten Schicksals für das Verkrampfte wird dadurch noch wahrscheinlicher, dass auch im alltäglichen Sprachgebrauch (also nicht zwingend im Zusammenhang mit Patriotismus) unverkrampft für zwanglos verwendet wird.
Übrigens ist unverkrampfter Patriotismus auch nicht die erste nationalistisch aufgeladene Phrase, sich der Körperhaltungsmetapher bedient. Erinnert ihr euch noch an die aufrechten Deutschen? Mein Eindruck ist, dass zumindest dieser Ausdruck im öffentlichen Diskurs unbrauchbar geworden ist, da er höchstens noch als ironische Kennzeichnung nationalistischer Positionen Anwendung findet. Ich hoffe, dass den Unverkrampften ein ähnliches Schicksal blüht wie den Aufrechten.