Potential essen Leben auf.

„Das hat Potential“ ist eigentlich meistens als Kompliment oder Aufmunterung gemeint. Je länger ich aber darüber nachdenke, umso weniger ist es das für mich. Denn im Gegenteil: was Potential hat, etwas Bestimmtes zu werden, ist es nicht.

Ja, ich mache gerade das mit der Quarter-Life-Crisis. Mensch sitzt da, schaut sich um und fragt sich, warum die Dinge – sich selbst eingeschlossen – so sind, wie sie sind. Und warum sie nicht anders sind. Und wenn mensch denn die Möglichkeit hat, Dinge zu ändern, wie sie denn dann sein sollten.

Ich sitze nun also hier und frage mich, wer, was und wie ich bin. Und diese Frage(n) zu beantworten fällt mir verhältnismäßig schwer. Darüber zu schrieben nochmal um einiges mehr. Wenn ich mir vor Augen führe, wie viel Zeit meiner zu erwartenden Lebensdauer bereits vergangen ist, habe ich den Eindruck, das meiste davon „nutzlos“ verlebt zu haben. Wieso nutzlos? Weil ich nichts Greifbares getan, sondern mich nur darum gekümmert habe, mein „Potential“ zu maximieren. Vollzeit.

Mehr als 75% meiner bisherigen Lebenszeit habe ich damit verbacht, mir Wissen anzueignen. Mich vorzubereiten. Mich zu spezialisieren. Also mein Potential für den Arbeitsmarkt zu steigern. Es war und ist meine Hauptaufgabe. Und wenn ich dieser gewissenhaft (also maximaleffizient) nachkommen möchte, habe ich kaum die Möglichkeit, etwas anderes zu betreiben, als Potentialmaximierung.

Das Tragische daran: Potential ist immer ungenutzt, sonst wäre es ja kein Potential. In der Physik zeichnet sich auch ein Gegenstand mit hoher potentieller Energie erst mal durch nichts Besonderes aus. Er liegt, steht, hängt, verharrt da, wo er gerade ist. Erst, wenn diese Energie in eine andere Energieform – z.B. Bewegungsenergie – umgesetzt wird, sehen wir diese. In meinem Fall ist ungenutztes Potential mein Hang zu denken. Und durch Denken alleine erlebt mensch nichts. Durch Denken alleine ändert mensch nichts.

Das mit der Potentialmaximierung bei gleichzeitigem Ausbleiben der Umsetzung des Potentials kann in manchen Fällen auch zur sozialen Isolation führen. Ich bin zum Beispiel dann gewillt, mehr Zeit in den Umgang mit einem Menschen zu stecken, wenn dieser mich interessiert. Dazu muss er mir aber erst einmal auffallen. Selbstredent ist Interesse individuell. Aber ich denke doch, dass man auf Menschen aufmerksam werden muss, ehe mensch sich für sie interessieren kann. Ein Mensch wird für mich interessant, wenn ich Dinge wahrnehmen kann, die von ihm ausgehen und mein Interesse wecken. Das sind immer Manifestationen seiner Gedanken, Gefühle und Talente. Diese Manifestationen existieren aber nur, wenn sie nicht als „Potential“ im Schädel des Menschen festgehalten werden.

Und ich? Mein Leben spielt sich zwischen meinen Schläfen ab. Wie soll mensch mich interessant finden können, wenn ich nichts von dem nach außen trage? Wie soll ich etwas nach außen tragen, wie soll ich das Gefühl haben, etwas Wahrnehmbares geschaffen zu haben, wenn alles, was ich schaffe, nur weitere Potentialmaximierung ist? Ich befürchte, dass das Bild meiner selbst und die Wahrnehmung meiner Person von anderen krass auseinanderlaufen. Ich befürchte, dass sich das Gefühl „nichts erreicht zu haben“ verstärken wird, wenn ich weiterhin potentialorientiert lebe.

Natürlich ist Potential nicht zu vernachlässigen. Wer im Winter keine Nahrungsquelle hat, sammelt auch vor dem Winter für den Winter Vorräte. Aber die Übung verfehlt ihren Sinn, wenn mensch in der Sammelphase das Essen einstellt, um die Vorräte maximieren zu können. So wird die Herausforderung für mich nun sein, meine Gedanken „aus dem Kopf auf die Straße“ zu bringen. Ich will den Menschen eine Angriffsfläche bieten, an der ich greifbar für sie bin. Und nicht zuletzt auch für mich selbst.

Autor: Herr_Samsa

Eingeschlafen - geträumt - aufgewacht - Käfer.

2 Gedanken zu „Potential essen Leben auf.“

  1. „Über das Weltall diskutiert man nicht; man verleiht ihm Ausdruck.“ (E.Cioran)

  2. Das beschriebene Problem ist das des depressiven Intellektuellen. Vor allem Studenten sozial- und geisteswissenschaftlicher Fächer neigen dazu, nicht zuletzt, weil diese Fächer die Kontemplation fördern und bis zu einem gewissen Grad voraussetzen und gleichzeigt eine gewisse Chancenlosigkeit der Absolventen dieser Fächer auf geeignete Jobs in der „Gesellschaft“ permanent aufblitzt, sei es durch Eltern, Berufsstatistiken oder gesellschaftliche Debatten. Das letztere ist nicht gerade dein Problem, allerdings befördert dieser latente Zustand unterbewusst Deine derzetitige Lage. Ich weiß da, wovon ich spreche. Zeitgleich (und jetzt schon sorry dafür) hat die Umstellung der Studiengänge auf B.A./M.A Abschlüsse das Niveau zusätzlich verflacht und die „Denk- und Lese“-Studiengänge auch zu Wiederkäuern und Auskotzern gemacht. Auch das schlägt auf’s Gemüt.
    Potential maximiert man übrigens nicht durch Passivität. Hier verschwendet man es nur. Wichtig ist, dass Du Dir für Dich Projekte suchst, Ziele festlegst und Deine eigene Entwicklung beobachtest, während Du etwas tust, dass auf eben diese Ziele hinführt. Solltest Du weiter Deine Zeit damit verschwenden, nur den Studienplan abzuarbeiten und ansonsten über Dich und die Welt zu resignieren, wirst Du feststellen, wie schnell nicht nur Deine Studienzeit ungenutzt vorbeigegangen ist, sondern auch mit Anfang 30 vollkommen planlos und unterentwickelt dastehen. Spätestens dann wird sich keiner mehr für ein etwaiges mal da gewesenes Potential interessieren, nicht zuletzt, weil Du zu diesem Zeitpunkt dann gar keines mehr haben wirst. Ich halte es da mit Nietzsche: Entweder, man wird was man ist oder man wird gar nichts! Dieses erfolgreiche „Werden“ setzt aber „Erkennen“ und „Handeln“ voraus. Also Tobi: Erkenne und Handle!

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