Liebe Gruftis, ihr seid nicht unpolitisch!

CC-BY-SA 2.0 Brett L.
CC-BY-SA 2.0 Brett L.

[tl;dr] Viele Gruftis nehmen für sich in Anspruch, “unpolitisch” zu sein. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Schwarze Szene – so wie sie gestrickt ist – gar nicht “unpolitisch” sein kann. Damit wird sie für inhaltlich-politische Kritik greifbar, was angesichts ihrer durch das “unpolitisch”-Label ermöglichten Rechtsoffenheit bitter nötig ist.

Der Vorwurf, der sich an viele Gruftis richtet, politisch – vorsichtig ausgedrückt – zumindest rechtsoffen zu sein, erfährt von diesen regelmäßig scharfe Ablehnung. Mit dieser Ablehnung geht oft eine Weigerung einher, sich mit der geäußerten Kritik inhaltlich zu befassen, indem sie (vermeintlich) kategorisch obsolet gemacht wird: „Wir können nicht rechts sein, wir sind unpolitisch.“ Ehe also die Angesprochenen sich mit ihrer Verortung innerhalb einer Ideologie-Heuristik (hier: dem Links-Rechts-Schema) beschäftigen können, müssen diese zunächst begreifen, dass sie politisch sind. Ob sie es wissen bzw. wollen oder nicht.

Meine ersten Ausflüge in die sog. Schwarze Szene habe ich 2007 gemacht. Mein Weg dorthin wäre wohl einen eigenen Blogpost wert, für diesen hier spielt das jedoch keine Rolle. Auch, wenn ich mich mittlerweile nicht mehr als dieser Szene zugehörig bezeichnen würde, sind einige Elemente doch in meinem Alltag erhalten geblieben. Nach wie vor trage ich fast ausschließlich schwarz, weite Teile meiner Lieblingsmusik werden auch von der Schwarzen Szene rezipiert und ich mag es, an mir selbst weiblich konnotierte Gendermarker zu setzen (Kajal, Nagellack und dergleichen).

Was die Szene aus meiner Sicht – trotz ihrer Heterogenität – zusammenhält, sind einige Wesensmerkmale, die ich als Szeneuniversalien bezeichnen möchte. Diese sind einerseits die(Selbst-) Verweigerung und Negation des „Normalen“ sowie andererseits der damit verbundene Anspruch, „unpolitisch“ zu sein. Und vor allem letzteres ist Gegenstand vieler kritikwürdiger und problematischer Entwicklungen und Zustände innerhalb der Szene.

Die Klärung dessen, was Politik (oder gar das Politische) eigentlich sei, ist nicht allumfassend und mit letzter Gewissheit in einem knappen Blogpost zu klären. Es ist aber möglich und nötig, darzulegen, dass Politikbegriffe sich unterscheiden und welche Auswirkungen sie haben.

Positionierung durch Negation

Szeneuniversalie 1, die Ablehnung des als normal Wahrgenommenen, wird hiervon direkt betroffen. Nicht zuletzt genealogisch, da die Schwarze Szene aus dem Punk hervorgegangen ist, lässt sich die Ablehnung des “Normalen” überall innerhalb der Szene vorfinden. Die Konstituierung der Szene als Szene erfolgt(e) über die Positionierung/Betonung des gesellschaftlich Ausgeblendeten und Tabuisierten – wie z.B. menschliche Abgründe, Unglück, Wahnsinn,Tod, Vergänglichkeit, Schmerz, Leid, Mystizismus/Okkultismus,Spiritualität, etc. – und vor allem, dies nach außen zu tragen. Über Kleidung, Musik, Treffen und dergleichen wird die Opposition zum Normalen der Öffentlichkeit präsentiert. Selbstverständlich nicht immer und nicht überall. Reportagen und Dokumentationen beschreiben oft das Leben von Goths, die „im echten Leben“ für eine Bank oder in der Pflege arbeiten, wo sie doch recht „normal“ wirken und gar nicht als Goths zu erkennen sind. Sie vollführen dann aber eine Verwandlung, wenn sie sich in den Schutzraum der Szene (Party, Disco, Festival) begeben.

Wie lässt sich damit aber die Selbstwahrnehmung vereinbaren, unpolitisch zu sein? Wenn doch explizit auf die als normal wahrgenommenen gesellschaftlichen Zustände verwiesen und eine wertende Positionierung – hier: durch Ablehnung – zu diesen vorgenommen wird? Wie, wenn Zusammenkünften mit „Gleichgesinnten“ ein so hoher Stellenwert beikommt und sich so innerhalb der eigenen Subkultur Gepflogenheiten, Normen und sogar Traditionen entwickeln?

Nicht rechts, nicht links,sondern “unpolitisch”

Es ist offensichtlich wichtig, welches Verständnis davon vorherrscht, was Politik überhaupt ist. Eine mögliche Erklärung ist die, dass – zynischerweise – in der Schwarzen Szene derselbe Politikbegriff dominant ist, wie in der „normalen“ Gesellschaft auch: Politik = Parteipolitik. Ganz eng ausgelegt würde es ja ausreichen, mit Parteien nichts am Hut zu haben, um als unpolitisch durchzugehen. Etwas weitläufiger interpretiert kann alles als unpolitisch gelten, was nicht von sich selbst behauptet, explizit politisch zu sein. Ich bin sofort bereit, zu glauben, dass die Schwarze Szene selbst absolut null politischen Anspruch hat. Das macht sie aber noch nicht unpolitisch, bzw. heißt das nicht, dass dadurch Menschen, die sich der Schwarzen Szene zurechnen, selbst unpolitisch werden.

Ich behaupte, dass das Label „unpolitisch“ selbst wieder ein Teil der Abgrenzungsstrategie zum vernaserümpften bis verhassten „Mainstream“, den „Normalos“ ist. Das Denken in politischen Maßstäben, das Verwurzeltsein in der modernen Welt, der Bezug auf eine organisierte Gesellschaft und Mitverantwortung für ihre Geschicke zu tragen, wird abgelehnt. Durch das Aufkleben des „unpolitisch“Labels wird ein Freifahrschein gelöst, der vermeintlich alles legitimiert (siehe „Satire darf alles!“).

Dabei wird völlig ignoriert, dass das Szenegeschehen nichtsdestoweniger eine Auswirkung auf die Gesamtgesellschaft und die Teilöffentlichkeit der Szene selbst hat. Selbstverständlich ist es von Bedeutung, wem ich wann unter welchen Umständen für was eine Bühne biete. Selbstverständlich ist es von Bedeutung, welches Verhalten – genauer: welche Haltung – ich belohne und welche bestrafe (hier: in Form von Anerkennung oder Ausgrenzung). Selbstverständlich ist es von Bedeutung, welche Aufmerksamkeit ich meinem eigenen Handeln beimesse und wie kritisch ich es reflektiere.

Natürlich könnte ich unter Rückgriff auf Aristoteles’ Konzeption vom zoon politikon einfach anthropologisch argumentieren, dass alle, die sich selbst als Mensch bezeichnen, damit auch schon automatisch politische Wesen seien. Ob das so zielführend wäre, sei aber mal dahingestellt.

Die Entsymbolisierung von Symbolen
Besonders sichtbar – im wahrsten Sinne des Wortes – wird die „unpolitisch“-Masche beim Umgang der Szene mit Symbolen. Ohne jetzt zu weit in die Tiefen der Semiotik abschweifen zu wollen, wird ein Symbol genau dadurch zum Symbol, dass ihm eine Bedeutung zugeschrieben wird. Symbole erhalten ihre Bedeutung also nicht aus sich selbst heraus, sondern stets nur durch Zuschreibung. Symbole können dabei ziemlich vieles sein: Buchstaben, geometrische Figuren, Farben, Gesten, Wörter, usw. Viele Menschen innerhalb der Schwarzen Szene versuchen jedoch krampfhaft – ebenfalls wieder unter Bezug auf die Ablehnung des Normalen und der Selbstwahrnehmung als “unpolitisch” – etablierte Symbole ihres Symbolcharakters zu berauben, indem sie z.B. behaupten, Symbole nur ihres ästhetischen Gehalts wegen zu verwenden. Gegenstand der Kritik ist die Verwendung von Runen, das Tragen von (mehr oder weniger phantasievollen) Uniformen oder anderweitig einschlägig bekannter Figuren, wie zum Beispiel der Schwarzen Sonne. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, einem Symbol seine Bedeutung abzuerkennen oder zu modifizieren, sei kein politischer Akt, nur weil vielleicht inhaltlich der Bedeutung widersprochen wird, die der Großteil der Gesellschaft diesem Symbol beimisst.
Tragischer Höhepunkt: Das Wave-Gotik-Treffen

All das bis hierhin Genannte kulminiert – alle Jahre wieder – in Organisation/Durchführung des und Kritik am Wave-Gotik-Treffen (WGT) in Leipzig. Fragwürdige Symbolverwendungen, fragwürdiges Lineup und fragwürdige Teilnehmer*innen am treffeneigenen Marktgeschehen offenbaren einen fragwürdigen Politikbegriff: So gut wie jede erdenkliche Meinung wird schulterzuckend geduldet, solange damit kein Bezug auf eine explizit politische Gruppierung/Organisation (Parteien, NGOs, Vereine, Aktionsgruppen, etc.) einhergeht. Eine Band, die völkische Texte präsentiert, ist kein Problem, ein Antifa-Button am Einlass hingegen schon. Und auch das Einkassieren von Aufnähern, Buttons, T-Shirts und sonstigem Schmuck wird unter Berufung darauf gerechtfertigt, dass das Festival ja „unpolitisch“ sei. Es ist fahrlässig und falsch, einerseits Bühnen für Meinungen zu bieten und Einfluss darauf zu nehmen, wer unter welchen Umständen das dort präsentierte Geschehen wahrnehmen darf und andererseits von sich selbst zu behaupten, “unpolitisch” zu sein. Schlimmer noch: Davon ausgehend ist auch die Teilnahme am Festival, nicht zuletzt durch die finanzielle Alimentierung, eine Bewertung, eine Zustimmung, eine Unterstützung, ein politischer Akt.

Bei dem Hinweis auf rechte Strömungen gibt es noch eine zweite Ausweichtaktik, ein „unpolitisch light“, die ebenso zuverlässig Anwendung findet: „Wir sind gegen Extremismus“. Wie schwer kann schon ein Vorwurf wiegen, rechte Tendenzen zu dulden, wenn die Möglichkeit besteht, auf vermeintlich linke Tendenzen hinzuweisen? Selbst lobenswerte und reflektierende Projekte aus der Szene, die sich der Problematik der “unpolitisch”-Masche bewusst sind, werfen mit Hufeisen um sich, wenn sie ordnungspolitisch argumentieren und sich auf die Extremismustheorie berufen (zu Kritik an dieser siehe bspw. hier).

Scheint fast so, als würde eine ganze Szene ihren überheblich ignoranten Eskapismus feiern, der eigentlich illusionär ist: Auch die sog. Schwarze Szene existiert nicht im Wertevakuum, besteht nicht losgelöst von soziokulturellen Einflüssen und Wirkmechanismen der „normalen“ Welt, des Alltäglichen. Die Gruft ist kein Paralleluniversum, kein hermetisch abgeriegelter Raum, kein soziopolitisches Wünsch-Dir-Was, in dem es keinen Sexismus, keinen Rassismus, keinen Nationalismus, kein Blut-und-Boden-Denken gibt, nur, weil man* selbst behauptet, unpolitisch zu sein. 

Zuletzt sei noch auf die Website des WGT verwiesen, auf der peinlichst jeder Anglizismus vermieden wird. So heißt das, was der Rest des Internets „Link“ nennt „Verweis“,der Newsletter ist der „Weltbote“ und die einzigen – mutwillig gesetzten – fremdsprachigen Akzente sind Latinismen. Ehe aber Vorwürfe nationalistischer Deutschtümelei kommen: es sind ja auch – hermetisch abgetrennte – fremdsprachige Versionen der Seite verfügbar. Riecht schon ganz schön identitär.