Internationales Filmfestival MA-HD: Es ist zwar etwas teurer, doch dafür ist man unter sich…

iffmh2014

[tl;dr] Eine Prestige heischende Veranstaltung von “uns” für “uns”, die wohlhabenden, weißen Deutschen. Und das scheint so gewollt. Muss das so sein? Nein!

So viel vorab: ich war nun bereits zum dritten Mal auf dem internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg und ich mag es sehr. Eigentlich. Ich freue mich immer, wenn ich intelligente, schöne, fesselnde Filme schauen und mir dazu meine Gedanken machen kann. Eigentlich. Bauchschmerzen bekam ich erst in diesem Jahr und erst, als ich die Blicke vor und während des Festivals schweifen ließ. Aber von vorne…

Gewinne, Gewinne, Gewinne!

Im Sommer dieses Jahr hatte ich noch ein wenig Geld am Ende des Monats übrig – was selten genug vorkommt. Da in Ludiwgshafen gerade das Festival des Deutschen Films stattfand, entschied ich mich dazu, mir einen Kinobesuch zu gönnen. Als ich nach einem großartigen Film (“Vergiss mein Ich“) in das Foyer zurückkehrte, fielt mir eine Art Glücksrad ins Auge, an dem zu drehen ich freundlich eingeladen wurde. Ich drehte also einmal beherzt und das Rad blieb auf dem rot markierten und mit „Freikarte“ beschrifteten Feld stehen. Ich freute mich riesig über meine gewonnene Freikarte für einen Film meiner Wahl auf dem im Herbst stattfindenden 63. Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg.

Zeitsprung. Ich bin Ende Oktober zu Besuch in Heidelberg und gehe mit einem Kumpel von mir in der Mensa einen Kaffee trinken. Beim Betreten des Gebäudes wird mir ein Flyer zum Filmfestival entgegengestreckt, in dessen Inneren sich eine weitere Freikarte verbirgt. Welch Luxus! Ich kann mir gleich zwei Filme auf dem Festival anschauen! Es ist fast ein bisschen wie Weihnachten. Nur mit weniger Wham. Tags drauf will ich mir ein Konzert auf einer der kleinsten Bühnen der Stadt anhören. Am Eingang zur Location werde ich freundlich gefragt, ob ich nicht zufällig Freikarten zum Filmfestival haben möchte. Ich betrachte diese Frage als eine rhetorische und bedanke mich für meine nunmehr dritte Freikarte. Der Abend ist jetzt schon durch die Aussicht auf drei kostenlose Kinofilme gerettet.

Tolles internationales Filmfestival…“

Mitte November bin ich erneut in der Stadt. Die Filme für die Freikarten sind – nach reiflicher Überlegung – ausgewählt und in den Zeitplan meines Aufenthalts eingegliedert. Mit sehr viel Vorfreude trete ich den Weg zu den Kinozelten im Schlossgarten – per Bergbahn – an. Oben angekommen stelle ich fest, dass ich noch etwas Zeit habe, ehe die Vorstellung beginnt. Also setze ich mich in die Lobby und lasse den Blick schweifen und die Gedanken kreisen.

Der obligatorische, flächendeckende rote Teppich hebt ein wenig die Zeltatmosphäre auf, ebenso wie die in rot und weiß gehaltenen Ikea-Lampion-Bündel. Auf einer kleinen Empore befinden sich mehrere Sitzgruppen aus weißen Ledercouches. Mir scheint das alles reichlich etepetete, fange meine Gedanken aber wieder ein, da ich annehme, dass es sich hierbei nur um eine in meiner eigenen Verbohrtheit begründeten Suggestion handelt. Um das zu prüfen, schaue ich mir die Leute in meinem unmittelbaren Umfeld an. Allesamt fein gekleidete, weiße Menschen fortgeschrittenen Alters. Ich sehe die Weingläser in ihren Händen und Rollkragen an ihren Hälsen und erinnere mich an einen meiner älteren Blogposts zu „Kultursnobismus“. Ich beschließe, keine voreiligen Schlüsse ziehen zu wollen und schaue mich weiter um. Ich hätte besonders bei einem internationalen Filmfestival erwartet, dass nicht nur weiße Deutsche anwesend sind, sondern eben auch People of Colour. Ich schaue mich um und finde…keine. Da ich immer noch kein Urteil fällen möchte, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich an einem Donnerstagnachmittag hier bin. Selbstverständlich ist werktags zu dieser Uhrzeit eine andere Klientel anwesend. Aber weshalb keine POC?

Vor dem Film (“Nabat“) weist eine Moderatorin darauf hin, dass der aserbaidschanische Regisseur anwesend ist und nach der Vorführung für ein Filmgespräch zur Verfügung steht. Sie weist auch darauf hin, dass sie darauf verzichten wird, die Antworten des Regiesseurs ins Englische zu übersetzen, da dies für mehr Aufwand als Nutzen sorgen würde. „Tolles internationales Filmfestival…“, denke ich mir. Ich betrachtete auch zum ersten Mal etwas bewusster den Feedbackzettel, der mir am Eingang ausgehändigt wurde: Einsprachig, Deutsch. „Tolles internationales Flimfestival..“, denke ich mir. Aber hey, vielleicht habe ich einfach einen schlechten Tag erwischt. Womöglich ist die Durchmischung an einem anderen Tag zu einer anderen Zeit eine bessere.

Beobachtungen am Wochenende

Meine übrigen Freikarten habe ich für Filme am Wochenende verwendet (“Jaskółka – The Caged Swallow“, “Leave to remain“). Ich würde also Gelegenheit haben, mir das Publikum an einem Samstagnachmittag und an einem Samstagabend anzuschauen. Leider musste ich die Erfahrung machen, dass dies nur marginal Einfluss auf die demographische Zusammensetzung hatte. Es waren jetzt zwar Menschen mehrerer Altersklassen vertreten, aber die überwiegende Mehrheit schien dennoch der weißen, akademisch gebildeten, oberen Mittelschicht zu entspringen. Das ärgert mich und frage mich, woran das wohl liegen könnte. Aber dann fällt mir auch ein, wie ich überhaupt hierher gekommen bin: Freikarten.

Ich weiß nicht, ob ich es mir hätte leisten können, das Festival zu besuchen, hätte ich nicht drei Mal Glück gehabt. Aber war das wirklich Glück? Ich hatte meine Freikarten jeweils an Orten bekommen, an denen anzunehmen ist, dass die Anwesenden entweder ohnehin zur Festival-Klientel gehören oder eben – wie ich – Studierende sind. Das weckt in mir den Eindruck, dass genau diese soziale Zusammensetzung von der Festival-Orga beabsichtigt ist. Sollte das der Fall sein, würde mich das maßlos ärgern. Denn wiedereinmal würde somit durch mehrere Hürden im Vorhinein schon gefiltert werden, wer am kulturellen Leben in welchem Umfang mit welcher Wahrscheinlichkeit teilnehmen kann und wer eben nicht.

Auf dem Weg nach Hause mache ich mir weiter Gedanken. Zum Beispiel darüber, was denn alles mit dem Wörtchen „international“ gemeint ist. Lediglich, dass dem hiesigen, weißen Bildungsbürgertum ein Häppchenteller von Filmen noch unentdeckter Regisseur*innen aus aller Welt™ vorgeführt wird? Ein cineastisches Exoten-Gucken? Oder doch etwa mehr? Wenn damit tatsächlich eine interkulturelle Begegnungsstätte betitelt werden soll, dann erfüllt sie die so geweckte Erwartung höchstens für sozioökonomisch Bessergestellte.

Bei der anschließenden Recherche nach Textstücken, die so etwas wie ein Selbstverständnis des Festivals offenbaren, stolpere ich in der Programmübersicht der Veranstaltungswebsite über ein Feature, das ich – medienbedingt – im Programmheft nicht wahrnehmen konnte. Zu jedem Film gibt es ein zwei- bis dreiminütiges Video mit Expertenmeinung. Ja, Experten. Gestrickt sind alle Videos nach demselben Muster: Zwei alte, bedoktortitelte, weiße Männer unterhalten sich angestrengt kumpelhaft-flapsig über den vorzustellenden Film. Schlimm genug, dass in diesem Setting bspw. Frauen* nicht vorkommen, die beiden Herren offenbaren auch noch – sehr wohlwollend formuliert – äußerst fragwürdige Geschlechterrollenbilder (so wird fälschlicherweise angenommen, ein männlicher Regisseur, in dessen Film der sexuelle Missbrauch an zwei Mädchen eine Rolle spielt, wäre eine Frau, da sie ja mit dem Film ganz bestimmt die eigene Missbrauchserfahrung aufarbeitet).

Mir tut das Ganze in der Seele weh. Denn bislang war das Festival immer ein Garant für – auf allen erdenklichen Weisen – tiefgehende Filme, die es zu sehen allemal wert ist. Aber es bleibt der Eindruck, dass es eine – bestenfalls unfreiwillig – exkludierende, elitäre Veranstaltung ist. Und es beschämt mich, dass ich drei Jahre gebraucht habe, um das wahrzunehmen. Soviel zu „check your privileges“…

Autor: Herr_Samsa

Eingeschlafen - geträumt - aufgewacht - Käfer.