Blickdiagnose: „Türke“

[Content Note: Rassistsische Sprache]

[tl;dr] Die Art und Weise, wie eine „biodeutsche“ kollektive Identität konstruiert wird, führt notwendigerweise dazu, dass Rassismen entstehen und diese dann nicht als solche erkannt werden, weil sie als gewöhnlich, banal und unverfänglich gelten.

Disclaimer: Ich bin in aller Regel nicht von Rassismus betroffen und verfüge über die meisten Privilegien, die unsere Gesellschaft bereithält. Unter diesem Vorzeichen sind meine Gedanken und Beobachtungen zu verstehen, auf jeden Fall nicht als Versuch, stellvertretend und verallgemeinernd Rassismus zu erklären oder individuelle Rassismuserfahrungen zu verneinen.

In letzter Zeit sind mir immer wieder einzelne Gespräche mit Personen aus meinem Umfeld ziemlich sauer aufgestoßen. In dem Moment, in dem die jeweils problematischen Äußerungen fielen, verfügte ich weder über die notwendige Ruhe noch die angemessenen Worte, um meine Bauchschmerzen zu artikulieren. Deshalb habe ich mir darüber Gedanken gemacht, was den jeweiligen Äußerungen gemein ist, was sie implizieren und aussagen und was sie für eine Wirkung entfalten (also: welche Kackscheiße sie reproduzieren). Einige Beispiele:

Szene 1: Im Auto

Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines Autos, die Person hinter dem Steuer lenkt den Wagen durch die ruhigen Straßen eines Wohngebiets einer Kleinstadt. Wir passieren einen Hof, in dem ein kleines Kind mit schwarzen Haaren und „dunkle“ Haut enthusiastisch mit einem Ball spielt. Die fahrende Person bemerkt dies und ruft (in das eigene Auto hinein, einen Akzent imitierend): „Ey, Türke!“

Szene 2: Am Telefon

Eine andere Person erzählt mir am Telefon voneiner kürzlich unternommenen Bahnfahrt. Bei der Ankunft in einer großen Stadt fällt ihr eine Gruppe Menschen auf, die vor dem Bahnhof stehen. Einige Menschen aus der Gruppe trugen laut Erzählung Kopftücher. Die Person am anderen Ende der Telefonleitung schildert das mit: „Man merkt schon, dass das ‚Stadt‘ ist…was da für ein Gesocks vor dem Bahnhof rumlungerte…hauptsächlich Türken. Man sah jedenfalls, dass das keine Deutschen waren.“

Szene 3: In der Stadt

Mit einer wieder anderen Person bin ich in Leipzig unterwegs. Begeistert äußert sich meine Begleitung über die –aus ihrer Wahrnehmung – höhere Nutzung der öffentlichen Flächen als Aufenthaltsraum: „Ich find‘ das total klasse! Sogar auf der Wiese vor dem Hauptbahnhof lagen Leute rum…und nicht nur dieselben wie sonst immer, sondern auch Deutsche!“


Diese drei Szenen haben sich mit unterschiedlichen Menschen an jeweils unterschiedlichen Orten zugetragen. Dennoch weisen die geschilderten Ereignisse einige formale und einige inhaltliche Gemeinsamkeiten auf. Formal betrachtet sind die Personen, die jene Äußerungen getätigt haben, deutsche Staatsangehörige, in Deutschland geboren, ihre Familien sind seit Jahrzehnten (wenn nicht -hunderten) in diesen geographischen Breiten ansässig und sie haben weiße Haut. Inhaltlich kommt in jedem der drei Fälle eine implizite wir-sie-Unterscheidung zur Sprache, die über die äußerlichen/körperlichen Eigenschaften anderer Menschen konstituiert und als dichotome Unterscheidung deutsch ↔ türkisch explizit geäußert wird. Das ist problematisch, weil es rassistisch ist. Ein Versuch der Erklärung.

Vom Stricken einer „Rasse“

Eltern, beruflich Erziehende und Geschichten vermitteln Kindern früh, dass jeder Mensch besonders, einzigartig und damit wertvoll ist. Dieser Einschätzung wird kognitiv und sprachlich allerdings nicht immer konsequent gefolgt. Das Gruppieren von Menschen anhand ihrer Merkmale ist zunächst nur ein Werkzeug, die Realität zu fassen und (besser) artikulierbar zumachen. Das kann zum Beispiel über äußerliche (also optisch wahrnehmbare) Eigenschaften – wie der Haarfarbe – geschehen. In diesem Fall hätten wir eine einzelne Eigenschaft festgehalten. Eine Sammlung mehrerer Eigenschaften in einen Typus Mensch – Benamsung des Typus ist zunächst nicht so wichtig – konstituiert auf problematische Weise eine Gruppe. Denn der Zugehörigkeitsstatus eines Menschen zu dieser Gruppe ist notwendigerweise verhandelbar (besser: interpretationsbedürftig), da ihre Konstitution nicht über eine einzelne binäre Eigenschaft (erfüllt ↔ nicht erfüllt, schwarze Haare ↔ keine schwarzen Haare) erfolgt, sondern abgewogen werden muss, ob alle zum Typus gehörigen Eigenschaften in der definierten Ausprägung vorliegen.

Auch das könnte so lange als unproblematisch gelten, wie damit keine auch bloß mittelbare Wertung einhergeht. Das ist jedenfalls nicht mehr gegeben, wenn mit körperlichen Eigenschaften eines Menschen bestimmte soziale Praktiken und/oder eine bestimmte Herkunft verknüpft werden. Der Rahmen, in dem die Zuordnung von körperlichen Eigenschaften zu einer Nationalität stattfindet, ist ein prototypischer: „Ein*e abc sieht xyz aus.“ Die Zuordnung von Wesenszügen zu einer Nationalität erfolgt analog: „Ein*e abc verhält sich uvw.“

Wieso ist die Verbindung Aussehen ↔ Nationalität wertend?

Die meisten Menschen verfügen über eine Nationalität. Darunter verstehe ich hier jenen Teil der individuellen Identitäten (ja, davon gibt es mehr als eine pro Person, deshalb der Plural), der sich als positiver Bezug (→Identifikation) auf eine oft mittels geographischer Verortungen mehr oder weniger eindeutig definierte kollektive Identität äußert (Klein-Kleckersdörfisch, fränkisch, deutsch, europäisch, …). Selbst, wenn damit noch keine Verknüpfung mit bestimmten charakteristischen Eigenschaften (Klein-Kleckersdörfer*innen sind besonders schlau, schön, stark, gesprächig, trinkfest, …) einhergeht, ist die Zuordnung zu einer Nationalität per Blick schon wertend. Die Wertung geschieht in Relation zur eigenen Gruppenzugehörigkeit: Ist diese Person da auch aus Klein-Kleckersdorf (oder nicht)? Hier spannt sich die Unterscheidung des Vertrauten/Heimischen und des Fremden auf. Das Fremde ist in erster Linie fremd, ist anders, ist etwas anderes, gehört nicht dazu (und diese Linie ließe sich fortsetzen in Richtung expliziter Abwertung).

Das ist die Basis des Problems, auf das fallweise unterschiedliche Ressentiments modular aufgesteckt werden. Der Schluss von Aussehen auf Herkunft/Nationalität lässt ein bestimmtes Aussehen selbst schon zum Stigma der Ausgeschlossenheit werden. Durch diese Ab- und Ausgrenzung werden die per Blickdiagnose als „nicht-deutsch“ Identifizierten in eine Schublade gesteckt, aus der sie nicht mehr herauskommen. Das Fremde bleibt stets der Hintergrund, vor dem all ihre Handlungen wahrgenommen und bewertet werden (hierzu Beispiele aus den USA). Der „Logik“ dieses Denkens folgend, ist es auch völlig egal, ob Menschen, die in Deutschland geboren sind, akzentfrei und fließend deutsch sprechen, brav arbeiten gehen, Steuern zahlen, CDU wählen, einen Schäferhund haben, katholisch sind und am Gemeindeleben vor Ort Teil haben, ob sie in einem frei stehenden Einfamilienhaus in guter Nachbarschaft mit durchschnittlichem Gartenzwerg-pro-Kopf-Verhältnis leben, Marie, Lisa, Alexander oder Dominik heißen – solange sie „dunkle“ Haut und schwarze Haare haben, sind sie „Türken“.

Die Ausgrenzung wird in den drei genannten Beispielen nur allzu offensichtlich. Die Zuordnung zur Menge „Türken“ erfolgte jeweils über eine Blickdiagnose. Die Artikulation dieser Sortier“leistung“ transportiert viele rassistische Vorurteile: „Türken“ sprechen nicht richtig deutsch und sind laut, primitiv und aggressiv (Szene 1), „Türken“ tragen Kopftücher (Szene 2), „Türken“ sind „Gesocks“, weil sie sich erdreisten, den öffentlichen Raum nicht (nur) als Transitkorridor zu benutzen (Szene 2 und 3) und vor allem sind „Türken“ keine „Deutschen“ (Szene 2 und 3). Denn „Deutsche“ sehen nicht so aus.

Rassismus und Rassismuswahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft

Klar, drei Fälle sind nicht die Welt, noch nichtmal die Mehrheitsgesellschaft. Ich lehne mich aber mal so weit aus dem Fenster, das in den drei Szenen Geschilderte als „normal“ und für die Mehrheitsgesellschaft typisch zu bezeichnen. Meine Versuche, den drei Personen aus den drei Szenen meine Bauchschmerzen zu artikulieren und erläutern, enthielten jeweils das Wort „rassistisch“. Das hatte stets dieselbe Reaktion zur Folge: „Ich bitte Dich, das ist doch nicht rassistisch!“
Selbstverständlich ist meine Kritik wohl zu einem guten Teil deshalb nicht angekommen, weil ich nicht in der Lage war, sie den jeweiligen Adressat*innen gerecht zu formulieren und lückenlos logisch strukturiert zu artikulieren. Jedoch lässt diese Reaktion auf das vorherrschende Bild von Rassismus schließen.

Demnach ist in den Köpfen der meisten Menschen hierzulande Rassismus etwas nicht normales, etwas „historisches“ und etwas explizites. Meine Laienvermutung ist, dass dieser Umstand damit zusammenhängt, wie – wenn überhaupt – Rassismus [in der Schule] vermittelt bzw. problematisiert wird. Wenn Rassismus nur als Bestandteil der faschistischen Ideologie des nationalsozialistischen Deutschland im Geschichtsunterricht der Schule auftaucht, ist klar, dass für die meisten Menschen (wie die in den eingangs geschilderten Beispielen) Rassismus als historische (und damit überwundene), hauptsächlich gegen Juden (oder andere, in nationalsozialistischer Ideologie und Terminologie „niederrassigen“ Menschen) gerichtete Größe ist, die explizit durch Wort (z.B. sowas) und Tat (Shoah, Genozid) in Erscheinung tritt.

Fazit: Die logische Genese des Alltagsrassismus

Wenn wir uns noch einmal vor Augen führen, welche Logik den oben angeführten Beispielen innewohnt, offenbart sich ein recht simpler Wirkmechanismus. Zunächst wird eine Gruppe von Menschen anhand optischer Eigenschaften von der eigenen abgegrenzt und (mehr oder weniger deutlich) als „das andere“ in Relation zu sich selbst („wir“) gesetzt (→ Othering). Alles, was Menschen der „anderen“ Gruppe tun, wird vor dem Hintergrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe wahrgenommen und bewertet und – letzten Endes – darauf zurückgeführt. Es wird so eine (hanebüchene) Kausalität zwischen Aussehen und Handeln eines Menschen erzeugt, was sich natürlich auch in der Erwartungshaltung und dem Werturteil anderer Menschen über diesen Menschen niederschlägt.

Diese vermeintlichen Erklärungsmuster für die wahrgenommene Andersartigkeit der Anderen sind denkbar einfach und wahrscheinlich deshalb denkbar verbreitet. Sie begegnen uns in allen möglichen Kontexten, wo wir nur entfernt vorstellbar mit anderen Menschen zu tun haben könnten und sind (vor allem, aber nicht nur) für die Gruppe, die die Mehrheitsgesellschaft stellt so „normal“ und so unproblematisch, dass sie für sie überhaupt erst alltäglich und damit banal werden konnten.